| Wie Westerwälder Steinzeug entsteht Für das traditionelle Westerwälder Steinzeug
ist der graue Scherben mit kobaltblauer und/oder manganvioletter Bemalung und einem
glänzenden Überzug, der Salzglasur, charakteristisch. Die Herstellung eines Gefäßes
ist mit sehr viel Handarbeit verbunden und erfordert spezifische handwerkliche Kenntnisse.
die Anforderungen an den Töpfer änderten sich dabei im Laufe der Geschichte der
Kannenbäckerei, wobei insbesondere technische Innovationen Althergebrachtes überflüssig
machten und die Aneignung neue Fertigkeiten erforderte. So sind zahlreiche Arbeitsgänge,
wie sie noch etwa bis zur Mitte unseres Jahrhunderts notwendig waren, heute nicht mehr
üblich. Die vielfältigen modernen Herstellungsverfahren mit neuen
Gestaltungsmöglichkeiten entziehen sich einer kurzen Darstellung, doch kann das Werden
eines Steinzeuggefäßes in den traditionellen Techniken skizziert werden. Bereits bei der
Auswahl des Tones und seiner Aufbereitung benötigte der Kannenbäcker vor dem Aufkommen
der Tonaufbereitungsbetriebe in den 1960er und 70er Jahren seine ganze Erfahrung: Nur am
Aussehen und durch Fühlen und Kauen konnte er in der Tongrube feststellen, welche der
zahlreichen, in ihren Eigenschaften sehr unterschiedlichen Tonsorten für seine Zwecke
geeignet waren. Mit Fuhrwerken oder Lastkraftwagen in die Werkstatt gebracht, mußte der
Ton noch aufbereitet werden, wobei es darauf ankam, evtl. Verunreinigungen
herauszufiltern, vor allem aber eine gleichmäßig durchfeuchtete, bildbare und homogene
Masse zu erzeugen. In großen Trögen wurde der Ton daher mit Wasser versetzt und
eingeweicht. Es folgte das mühsame Kneten mit den Füßen oder der Hand, bis im Verlaufe
des 19. Jahrhunderts Maschinen (Tonschneider) diese mühsame Arbeit übernahmen. Bis zur
Entwicklung moderner Formgebungsverfahren wie das Gießen in Gipsformen oder das Eindrehen
wurden alle Gefäße auf der Drehscheibe gedreht. Bei dieser auch heute noch grundlegenden
Technik zeigt sich die Könnerschaft eines jeden Töpfers, da es einerseits darauf
ankommt, in möglichst kurzer Zeit viele gleichartige Gefäße "in Serie" zu
drehen, andererseits aber kreativ zu sein und individuell gestaltete Keramiken herstellen
zu können. Besondere Meisterschaft zeigt sich beim "Wirken" wie das
Drehen im Westerwald genannt wird von großen Krügen, Vasen oder Schalen. Nach dem
Drehen nimmt der Kannenbäcker das Gefäß vorsichtig von der Drehscheibe und stellt es
auf langen Brettern zum Trocknen ab. Nachdem der Ton "lederhart" getrocknet ist
, kann das Gefäß in der sog. "Red- und Kniebistechnik" dekoriert werden. Bei
dieser, zumeist von Frauen ausgeführten Arbeit, werden mit einem griffelartigen Hölzchen
in den noch weichen Ton die traditionellen Dekore eingeritzt. Mit dem spitzen
"Redholz" kann in den Ton gezeichnet werden; durch das schnelle Hin- und
Herbewegen des stumpfen "Kniebishölzchens" entstehen die den Gefäßkörper
schmückenden Zick-Zackbänder. Die auf diese Weise erzeugten figürlichen Zeichnungen und
geometrischen Muster werden nach dem völligen Trocknen des Gefäßes mit Kobaltsmalte
und/oder Manganviolett ausgemalt. Mit einfachen, aus Schweineborsten zusammengebundenen
Pinseln, erhalten die Gefäße so ihre farbliche Gestaltung, der aufgrund der hohen
Brenntemperatur enge Grenzen gesetzt waren. Nach dem Bemalen mußten die Gefäße in die
großen, bis zu 35 m³ Ware fassenden holzgefeuerten Kannenöfen eingesetzt werden. Das
Einsetzen eines Ofen war eine Arbeit, die sehr sorgfältig auszuführen war und über den
Erfolg wochenlanger Arbeit entschied. War der Ofen gefüllt, konnte der Zugang, das
"Schill", zugemauert und an der gegenüberliegenden, vertieften Feuerung mit dem
Brennen des Ofens begonnen werden. Nur langsam wurde die Temperatur gesteigert, um ein
Platzen der Gefäße bei zu raschem Hitzeanstieg zu vermeiden. Schlugen nach zwei bis drei
Tagen ununterbrochenen Feuerns die Flammen durch den ganzen Ofen zu den Ofenlöchern
heraus und war eine Temperatur von ca. 1250° bis 1280° C erreicht, konnte das
"Salzen" beginnen. Mit langen löffelartigen Kellen warfen die Kannenbäcker
mehrere Zentner Kochsalz durch die Öffnungen an den Seiten und in der Decke in den Ofen.
Aufgrund der hohen Temperatur löst sich das Salz (NaCl) in seine Bestandteile auf, wobei
das Chlor sich mit dem Wasserstoff der Salzsäure verbindet und gasförmig entweicht,
während sich das Natrium auf dem Scherben niederschlägt und in einem hochkomplexen
chemischen Vorgang einen glasartigen Überzug bildet. Indem die Feuerung (die
"Stocklöcher") nach dem Salzen zugemauert wurden, entstand im Ofen eine stark
reduzierende Athmosphäre, die eine weitere chemische Reaktion des Scherbens verhindert
und das erwünschte helle Grau des Scherbens garantierte. Voller Unruhe, ob der Brand
gelungen war, mußte der Kannenbäcker die Abkühlzeit von mehreren Tagen abwarten, bis
vorsichtig das "Schill" abgebrochen werden konnte. Wie das Einsetzen war auch
das Herausnehmen, Prüfen, Lagern oder direkte Verpacken der Ware eine schwere
körperliche Arbeit. Moderne Techniken haben den Produktionsprozeß in vielen Einzelheiten
verändert und vor allem erleichtert. Die holzgefeuerten Kannenöfen sind inzwischen von
kleineren gasgeheizten Öfen abgelöst worden und bis auf wenige Exemplare verschwunden,
doch bleiben das Brennen und Salzen für den Töpfer wir für den Besucher ein spannender
Vorgang. |